80 Prozent aller Arztpraxen in Deutschland sind nicht barrierefrei

Teile diesen Beitrag:

Bundesweit existieren rund 200.000 Arzt- und Therapiepraxen. Jedoch sind lediglich 80 % davon gar nicht oder nur eingeschränkt zugänglich und somit nicht barrierefrei. Aufgrund dessen wurde durch die Unionsfraktion 2017 mit Vertretern wie Ärzten, Krankenkassen und Betroffenen beraten, wie die medizinische Gesundheitsvorsorge verbessert werden kann. In medizinischen Versorgungszentren ist der Anteil an barrierefreien Einrichtungen mit 45,9 % wesentlich höher. Eine qualitativ hochwertige sowie barrierefreie Gesundheitsvorsorge ist elementar.

„Barrierefreiheit bedeutet, dass Einrichtungen für alle Menschen nutzbar sind.“

Somit sollen Menschen mit Behinderung und sonstigen Einschränkungen möglichst nicht auf fremde Hilfe angewiesen sein, um eine Praxis besuchen zu können.

Dies ist in der UN-Behindertenrechtskonvention sowie im Behindertengleichstellungsgesetz festgelegt.

Schwerbehinderte Menschen müssen oft nach anderen Kriterien ihre Gesundheitspraxen auswählen, als andere Patienten. Eine wohnortnahe Behandlung in Arztpraxen ist für behinderte Menschen aus diversen Gründen schwieriger wie z.B.:

  • Eine nicht vorhandene Barrierefreiheit in Arztpraxen
  • Eine nicht vorhandene Barrierefreiheit in und um das Gebäude
  • Nicht ausreichende Behindertenparkplätze vor den Praxen
  • Praxis sowie das Praxispersonal, müssen besser auf schwerbehinderte Patienten ausgerichtet sein
  • Kein ausreichend ausgebildetes Praxispersonal für den Umgang mit behinderten Patienten
  • Die „klassische“ Terminvereinbarung per Telefon ist für viele Menschen mit Behinderung und sonstigen Beeinträchtigungen nicht oder schlecht möglich
  • Es findet meistens keine barrierefreie Kommunikation durch das Praxispersonal statt
  • Zudem herrscht oft eine Unsicherheit im Umgang mit schwerbehinderten Patienten

Ziel einer Barrierefreiheit in Arztpraxen ist es, sowohl bauliche als auch organisatorische und sogenannte „unsichtbare“ Barrieren durch „richtige“ Verhaltensweisen sowie eine entsprechende Kommunikation zu überwinden.

Um alte Praxen barrierefrei umzubauen, muss meistens mit sehr hohen Kosten und Aufwand gerechnet werden. Somit sind diese Kosten dem Arzt alleine nicht zumutbar. Es wird gefordert, dass sich der Staat finanziell wesentlich mehr daran beteiligt. Beispielsweise durch Programme der Staatsbank KfW oder anderer Förderbanken. Die geforderte Beteiligung hat einen Umfang von ca. 80 Mio. Euro für den barrierefreien Umbau von Arztpraxen. Nur so kann sicher gestellt werden, dass es schnell spürbare Verbesserungen gibt.

Wie sieht die Realität nun genau aus?

Es geht hierbei nicht nur um bauliche Veränderungen der Praxis, sondern vor allem auch um organisatorische Maßnahmen, Regeln der Kommunikation und des Verhaltens des Praxispersonals oder einfache Veränderungen in der Praxiseinrichtung.

Ein Beispiel hierfür sind die Wartezimmer, welche oft mit Dekoration wie Pflanzen, Bilder, Vasen, vielen Stühlen ausgestattet sind. Aber aus diesem Grund fehlt oft wichtiger Platz der für Rollstühle und Rollatoren benötigt wird. Es sollte gewährleistet sein, dass in einem Wartezimmer, Platz für alle Patienten geschaffen wird. Also eben auch für Patienten im Rollstuhl, mit Rollatoren oder einem Blindenführhund, ohne dass dadurch andere Sitzplätze blockiert werden.

Anmeldetheken sind meistens so hoch gebaut, dass Patienten im Rollstuhl bspw. nicht eigenständig ihre Versichtertenkarte über die Theke der Sprechstundenhilfe geben könnten.

Das Praxispersonal weiß oft nicht, wie sie mit schwerbehinderten Patienten umgehen sollen und schaffen oft durch inadäquates Verhalten weitere Barrieren für schwerbehinderten Patienten.

Wie sind meine eigenen Erfahrungen mit Barrieren in Arztpraxen?

Aufgrund meiner eigenen chronischen Erkrankung sowie meiner Behinderung, bin ich selbst seit meinem 6. Lebensjahr in vielen Arztpraxen, Kliniken und Therapieeinrichtungen. In den meisten Arztpraxen ist die Barrierefreiheit eher wenig bis gar nicht vorhanden. Ohne eine Begleitperson und/oder meinen Blindenführhund wäre es mir kaum möglich eigenständig Termine bei Fachärzten wahrzunehmen.

Bei mir sind es weniger die baulichen Einschränkungen, sondern vor allem bestimmte Verhaltensregeln, Kommunikationen und weitere veraltete klassische Maßnahmen, welche mich einschränken.

Es gibt viele Beispiele wo Medizinisches Fachpersonal verunsichert ist, wie sie mit mir oder anderen Patienten mit Behinderung umgehen sollen.

In einigen Situationen fangen sie z.B. an lauter zu sprechen oder sie ignorieren es einfach schlichtweg und benutzen Gestik und Mimik wie bei jedem anderen auch. Wenn ich dann etwas explizierter nachfrage wo z.B. die Patiententoilette oder das Wartezimmer ist, wissen sie nicht wie sie mir das verständlich machen können.

Das mit unter größte Problem stellt in vielen Arztpraxen leider oft der Kampf um meinen Blindenführhund dar. Denn viele Arztpraxen bzw. das Personal ist immer noch der Meinung, dass (m)ein Hund nichts in einer Arztpraxis verloren hat. Weise ich Sie darauf hin, dass es ein Blindenführhund ist und nicht einfach mein Haustier, welches ich zum Arzt mitgebracht habe und es mir nur so möglich ist, Fachärzte eigenständig zu besuchen, das ist vergleichbar mit einem Rollstuhl. Meistens höre ich solche Sätze:

„ Das ist halt die Anweisung des Arztes und wir können da eben nichts machen. “ oder am besten „ Können Sie den Hund nicht eben vor der Praxis anleinen und er wartet dann auf sie dort? .“ Das ist auch eine witzige Aussage: „ Nein das kann man nicht mit einem Rollstuhl vergleichen, das ist ja ein Hilfsmittel für Menschen die nicht laufen können.“

Da frage ich mich dann auch manchmal, was die Leute denken warum ich eine Blindenführhündin habe. Ja, sie ist eine Hündin und so obskur sich das meiner Meinung nach auch anhört, ist sie ein Hilfsmittel für Menschen mit schweren Sehbeeinträchtigungen. Außerdem ist meine Hündin genau dazu da, um mir in solchen Situationen zu helfen, damit ich mich eigenständig bewegen kann und sie mir die Unsicherheit nimmt – vor allem in Umgebungen wo ich fremd bin.

Aufgrund meiner Erkrankung. muss ich ziemlich oft und sehr regelmässig zu diversen Fachärzten und Kliniken. Aufgrund dessen muss ich auch weitere Wege zurücklegen und mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu den verschiedenen Fachärzten fahren und bin somit jedesmal auf eine Begleitperson angewiesen.

Bedauerlicherweise haben die meisten Arztpraxen leider immer noch nicht verstanden, dass ein Blindenführhund dafür da ist, um Menschen mit Sehbeeinträchtigungen sicherer und unabhängiger zu machen. Und dass man auch ohne dauernde Hilfe von anderen einen Termin in einer Arztpraxis wahrnehmen kann.

Bei meinen Facharztpraxen für Augenheilkunde stellte dies von Anfang an absolut kein Problem dar, denn dort ist das Personal aufgeklärt und weiss, dass eine Arztpraxis oder auch andere Einrichtungen einem blinden/sehbeeinträchtigten Patienten nicht verbieten darf mit seinem Blindenführhund die Praxis zu betreten. Da sie nämlich extra u.a. für solche alltäglichen Situationen ausgebildet wurden und verhalten sich entsprechend.

Wie kann man erreichen, dass mehr Arztpraxen barrierefrei werden?

Schwerbehinderte Patienten müssen sich ihre Fachärzten aufgrund anderer Kriterien aussuchen und meistens weit fahren um entsprechende barrierefreie/barrierearme Fachpraxen zu finden.

Da es sich wie bereits erwähnt nicht nur um bauliche Veränderungen, sondern um viele weitere Maßnahmen wie z.B. ein adäquates Verhalten des gesamten Praxispersonals handelt, halte ich es seit langem für wichtig das Praxen im Gesundheitswesen sich speziell weiterbilden, um effektiver und effizienter mit schwerbehinderten Patienten umzugehen lernen. Denn Unsicherheit aber auch schlichte Unwissenheit sorgt oft für solche Barrieren.

Knapp acht Millionen Menschen in Deutschland sind Menschen mit einer Schwerbehinderung, denen ebenfalls eine gute und kompetente Fachärztliche und vor allem barrierefreie Versorgung zustehen sollte.

Menschen mit Behinderung muss mehr Chancengleichheit in der Gesundheitsvorsorge geboten werden.

Wie man bereits hier auf dem Blog erfahren konnte, entwickele ich zusammen mit der Online Akademie für Gesundheitswesen (OafG) einen Online-Kurs zur Weiterbildung für einen effizienteren Umgang von Patienten mit Behinderung.

Um diesen Online-Kurs entwickeln zu können, musste ich zuvor einiges recherchieren. In diversen Foren informierte ich mich, was anderen Patienten mit Beeinträchtigungen und Behinderungen in einer Artpraxis wichtig ist und was für sie Barrierefreiheit ausmacht. Zudem erkundigte ich mich, wie die rechtlichen Regelungen für eine barrierefreie Arztpraxen aussehen.

In dieser Zeit lernte ich viel über diese Thematik und brachte meine eigenen Erfahrungen, als auch Erfahrungen, Bedürfnisse und Ideen vieler anderen Patienten mit Behinderung, in die Entwicklung des Online – Kurses mit ein.

Den E-Learning Kurs „Effektiver Umgang von Patienten mit Behinderung“ finden Sie bald auf der Website der Online Akademie für Gesundheitswesen (Oafg).

Ich wünsche mir, dass wir damit viele Arztpraxen erreichen können und sie offen dafür sind dazu zu lernen und sich weiterzubilden, um Menschen mit Behinderung mehr Chancen in der Gesundheitsvorsorge bieten zu können.

Unterstützt mich indem, ihr diesen Beitrag und die Website der Oafg mit dem Online-Kursen teilt, weiterleitet und empfehlt.

Eure Gina

Quellen:

https://www.aerzteblatt.de/archiv/198246/Barrierefreiheit-Zehntausende-Arztpraxen-nicht-barrierefrei

https://www.arzt-wirtschaft.de/wie-den-umbau-finanzieren/

https://www.aerztezeitung.de/Wirtschaft/Ein-Blindenhund-darf-mit-ins-Wartezimmer-406765.html

https://www.arzt-wirtschaft.de/nur-jede-dritte-arztpraxis-fuer-patienten-mit-behinderung-geeignet/

Teile diesen Beitrag:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.