Meine Blindenführhündin Ebby – Die Augen auf 4 Pfoten

Die Blindenführhündin Abby hat ihre Kenndecke an, schaut zur Kamera und liegt auf einem Fliesenboden.
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Warum ich überhaupt darüber nachgedacht habe einen Blindenführhund zu beantragen

Nachdem ich 2017 das geforderte Mobilitätstraining mit dem Blindenlangstock absolviert hatte, um mich besser fortbewegen zu können, wurde mir leider schnell bewusst, dass ich mich alleine mit dem Blindenstock niemals sicher genug fühlen würde.

Ich fühlte mich nicht sicher genug und hatte Angst, ob ich mich jemals wieder „komplett“ selbständig fühlen würde, um meine täglichen Wege „alleine“ zu gehen. Vor allem meine wichtigen mehrmals wöchentlichen Arztbesuche in der Stadt wahrzunehmen, einfach mal alleine zur Bank zu gehen, eine Milch zu kaufen oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren zu können.

Sich in Kölns Innenstadt und am Bahnhof mit dem Langstock zu bewegen, stellt eine Kunst für sich dar. Mal abgesehen davon, dass es wenige Leitlinien gibt an denen man sich orientieren kann, werden diese meistens von Menschen blockiert. Beispielsweise stehen sie auf ihnen mit Koffern, telefonieren, schauen von dort auf die Zugtafeln und somit versperren sie diese komplett. Leider ist es bedauerlicherweise oft so, dass wenn ich diejenige darauf hingewiesen habe, dass Blinde sie benötigen um sich orientieren zu können, kamen sehr oft entweder Desinteresse, Ignoranz, oder Vorwürfe.

Viele Menschen wissen auch einfach nicht, was diese Leitlinien eigentlich bedeuten & deshalb ist es umso wichtiger, dass man aufklärt wofür diese Leitlinien eigentlich gut sind!

Ich verstehe natürlich, dass viele Menschen mit den Leitlinien nichts anfangen können und somit nicht darauf achten ob sie diese dann blockieren. Das kann auch an verschiedenen Gründen liegen. Jedoch finde ich es schade, wie viele negativ reagieren, wenn man versucht sie freundlich darauf hinzuweisen, dass diese für uns Sehgeschädigte/Blinde eine notwendige Hilfe zur Orientierung darstellen.

Mir ist es auch schon öfter passiert, dass ich in Leute reingerannt bin – die entweder beim gehen abrupt mitten im Weg stehen bleiben (was auch für Sehende oft ein Problem ist ;-D) oder sie sind komplett in ihr Handy vertieft und bemerken mich dann wohl auch nicht.

Man begegnet verschiedenen Arten von Menschen wenn man mit dem Langstock unterwegs ist.
  • Die Menschen die regelrecht Beiseite springen, wenn man mit dem Stock ankommt.
  • Leute, die stehen bleiben mich anstarren und keinen Ton von sich geben, um zu sehen wie ich reagiere oder sie eben nicht wissen wie sie reagieren sollen (weiss ich von Begleitpersonen, die das beobachtet haben).
  • Aber es gibt auch Leute, die mir sogar den Stock wegtreten, weil sie nicht so schnell vorbei kommen.
  • Dann gibt es noch die Kategorie Mensch, welche versuchen „zu hilfsbereit“ zu sein und mich über die Straße ziehen ohne etwas vorher zu sagen oder sagen „ich bring sie eben rüber“
  • Manche schreien auch z.B. von irgendeiner anderen Straßenseite „Hallo es ist grün“ (wobei ich bei der Entfernung ja nicht weiss ob ich gemeint bin).
  • Es ist mir auch einmal passiert, dass jemand einfach meinen Stock gepackt und ihn nach oben gerissen, um mir so die Treppenstufen anzuzeigen ;-s
Selbstverständlich gibt es aber auch immer wieder sehr nette und freundliche Menschen, die sich zwar unsicher sind, aber dann eben kurz fragen ob sie mir helfen können.

Es sind nur Situationen die mir immer wieder begegnen und ich manchmal schmunzeln muss, aber auch echt teilweise geschockt bin über diese verschiedene Reaktionen.

Die meisten wissen eben nicht wirklich, wie sie sich verhalten sollen, wenn sie selten mit Menschen mit Behinderung konfrontiert werden – egal um welche Behinderungen es sich handelt.

Es ist immer gut, wenn man eine sehbehinderten/blinde Person bzw. jeden schwerbehinderten Menschen einfach kurz fragt und seine Hilfe anbietet. Aber auch bei freundlicher Verneinung bitte nicht beleidigt sein und sagen „Dann eben nicht“.

Die Aufklärung der „Gesellschaft“ über den Umgang mit Menschen jeglicher Behinderungen ist meines Erachtens immens wichtig. Denn „Wir“ sind nun mal auch ein Teil dieser Gesellschaft.

Die Beantragung meines Blindenführhundes

Insgesamt hat es von der Beantragung bis zur endgültigen Genehmigung über 2 Jahre gedauert.

Bis ich dann wusste das Ebby meine Hündin wird, sind weitere Monate vergangen. Denn es dauert eine Zeit lang, bis man den passenden Hund findet. Von der Beantragung im Spätsommer 2017 bis Ebby im Juni 2020 zu uns nach Hause kommen durfte, sind fast 3 Jahre vergangen. Dies war ein langer und sehr steiniger Weg, den ich aber immer wieder für meine Blindenführhündin beschreiten würde.

Man beantragt einen Blindenführhund mit einer Verordnung des Augenarztes und Gutachten von diversen Ärzten. Beispielsweise dass man z.B. keine Allergien aufweist und psychisch/physisch dazu in der Lage ist einen Blindenführhund führen zu können.

Außerdem muss man diverse Auskünfte bei der Beantragung angeben. Wo hat man Auslaufmöglichkeiten in der Umgebung? Wie sind die Wohngegebenheiten? Was für Wege möchte man mit dem Blindenführhund gehen? Ist man überhaupt in der Lage sich um einen (Blindenführ)hund ausreichend zu kümmern? Alle Unterlagen werden dann bei der jeweiligen Krankenkasse eingereicht.

In den 2 Jahren der Beantragung war ich natürlich öfters in der Blindenführhundschule. Dort wird vorerst geklärt was überhaupt vom Führhundhalter erwartet wird, wenn man einen Blindenführhund führen möchte.

Denn ein Hund ist nicht nur ein Hilfsmittel, sondern ein Lebewesen, was viele Bedürfnisse hat. Das weiss ich nun aus eigener Erfahrung 😀. Ist man bereit diese Zeit und Energie zu investieren? Ist man bereit sich wetterfeste Kleidung zuzulegen, um bei Wind und Wetter mit dem Hund rauszugehen. Ist die Wohnung und die Umgebung geeignet, um den Blindenhund artgerecht ein zu Hause bieten zu können usw.

Und ein wichtiger Punkt ist, ob man noch die benötigte Orientierung hat. Denn Hunde können z.B. keine grüne oder rote Ampel erkennen. Ob grün ist und man die Straße überqueren kann, muss der Führhundhalter dem Blindenhund anzeigen. Es darf nicht unterschätzt werden, dass man körperlich in der Lage sein muss, mit dem Hund viel Gassi zu gehen um den benötigten Auslauf zu bieten.

Natürlich wurden die Beantragung des Blindenführhundes von meiner Krankenkasse immer wieder abgelehnt, mit teilweise sehr verletzenden und demütigenden Ausagen. Beispielsweise wie bereits in einem anderen Beitrag erwähnt, das es quasi ausreichen würde wenn ich mich 500 m um meine Wohnung bewege.

Da ich Mitglied beim Dvbs bin, habe ich mir dann sofort einen Anwalt genommen, der sich der Sache angenommen hat. Sie haben viel Ahnung und Erfahrung was Hilfsmittel und die Beantragung von Blindenführhunden angeht. Sie übernahmen alle Anschreiben und setzten sich regelmässig mit mir in Verbindung.

Der Weg war steinig und ich musste eine Menge Geduld aufbringen und mir einen dicken Panzer zulegen. Egal wie viele unschöne Briefe ich von der Krankenkasse/medizinische Dienst mit Gründen der Absage erhalten habe, habe ich nicht aufgegeben.

Letztes Jahr wurde ich durch einen gutartigen Tumor im linken Ohr schwerhörig. Dies spielte meiner Krankenkasse anfangs natürlich in die Hände und so wollten sie die Beantragung erst einmal stoppen. Meine Anwältin regelte dies dann, dass ich mich parallel um entsprechende Hilfsmittel (Hörgerät) kümmere und die Beantragungsprozess jedoch weiterläuft.

Schlussendlich bewilligten sie den Blindenführhund kurz bevor wir davor waren vor Gericht zu ziehen. Ich war so unglaublich dankbar und bei der Nachricht erst mal geplättet, dass es endlich vorbei ist.

Nach weiteren Besuchen in der Blindenführhundschule war es dann im November letzten Jahres endlich soweit. Ebby bestand alle ärztlichen Untersuchung und es wurde klar, dass sie zu uns ziehen wird.

Mit der Trainerin Debbie Janz besprach ich dann genau, was ich benötige, wie meine Wege zu Hause aussehen etc. müssen z.B. viele Treppen gegangen oder viel Bus und Bahn gefahren werden. Wie sind die täglichen Wege und wie gut sind die Auslaufmöglichkeiten zu erreichen usw.

Am 15. Juni 2020 war es dann soweit

Das Training beginnt und Ebby zieht bei uns ein!

Am 15.06. begann unsere dreiwöchige Einarbeitung. Ich habe einiges für Ebby bestellt wie ein schönes Hundebett und Spielzeuge, um ihr den Einzug und die Eingewöhnung zu erleichtern.

Die Einarbeitung war schon sehr anstrengend. Ich hatte tatsächlich nach ein paar Tagen von der ungewohnten Haltung durch das Geschirr richtig Muskelkater. Wir lernten die Gassiwege und mit und mit alle anderen Wege, welche ich in Zukunft mit ihr gehen würde. Zudem mussten wir auch den Gehorsam trainieren damit sich Ebby an meine Anweisungen sowie mein Tempo gewöhnt.

Nach drei Tagen schlief sie das erste Mal bei uns. Dann fing ich auch an mit ihr alleine Gassi zu gehen. Anfangs war das sehr ungewohnt aber echt schön. Denn ich merkte wie sich langsam wieder ein Stück Freiheit einschlich und das berührte mich am Anfang extrem.

Stück für Stück arbeiteten die Trainerin und ich gemeinsam mit Ebby daran sicher mit dem Geschirr zu laufen. Ausserdem bereiten wird uns auf die Gespannprüfung vor.

Wir lernten z.B. den Weg zum Bahnhof, Treppen gemeinsam zu „überwinden“. Absolvierten verschiedenen Suchaufgaben wie Bank, Ampel oder Eingänge suchen. Zudem übten wir im Lebensmittelgeschäft, Bank, Schuhgeschäft oder der Apotheke im Geschirr zu laufen.

Natürlich braucht man Monate um zu einem komplett eingespielten Team zu werden. Denn leider nehmen viele an, dass man quasi ein fertig ausgebildetes Hilfsmittel erhält und das alles sofort klappt. Ich kann nur sagen, dass man viel Geduld und Energie braucht, um zu einem guten Gespann zusammen zu wachsen. Außerdem benötigt man auch Zeit um seinen eigenen Alltag umzustellen.

Wir wurden von Tag zu Tag etwas sicherer. Ebby ist eher eine gemütlicherer Läuferin im Geschirr. So musste ich lernen sie dann schon öfter zu animieren und zu motivieren. Wir wuchsen langsam zu einem richtigen Gespann zusammen.

Ebby und Gina stehen auf einem Platz. Sie haben einen Spaziergang hinter sich. Ebby hat ihre Freizeit Kenndecke an und Gina hält sie an der Leine.
Ebby und ich beim Spazierengehen. Sie hat ihre Freizeit Kenndecke an.

Drei Wochen später am 04.07. hatten wir dann unsere Gespannprüfung mit zwei Prüfern. Diese haben wir erfolgreich bestanden und waren ab dem Zeitpunkt ein offizielles Gespann. Ich habe mich sehr gefreut.

Trotzdem müssen wir Tag für Tag weiter lernen und uns auf neue Situationen einstellen. Wir entdecken gemeinsam neue Wege, aber verfestigen auch unsere bekannten Gänge.

Ich lerne jeden Tag neue Seiten an Ebby kennen. Sie hat unseren kompletten Alltag umgeschmissen. Sie ist ein absolutes Energiebündel, legt sich dauernd mit langen Stöcken an 😉 und liebt es über alles Ball zu spielen und dreht regelmässig mal etwas durch mit ihren Kuscheltieren 😉

Sie weicht mir nicht mehr von der Seite und sie nimmt sicherlich sehr viel Zeit und Energie in Anspruch. Aber nach nun jetzt 6 Monaten möchte ich sie absolut nicht mehr missen. Sie gibt mir soviel Freiheit zurück. Dafür bin ich ihr unglaublich dankbar. Deshalb möchte ich ihr außerhalb des „Arbeitsmodus“, viel Liebe, Freude und Spaß an allem bieten. Sie soll ein tolles (Blindeführ)hundeleben in unserer Familie leben.

Ich möchte mich zum einen bei der Blindenführhundschule Küch bedanken. Aber mein besonderer Dank gilt der Trainerin Debbie Janz. Sie hat sich stets auf meine Bedürfnisse und Sorgen eingelassen. Mit mir gemeinsam Techniken überlegt, wie wir beide am besten als Gespann zusammen wachsen können. Wir sind auch nach der Einarbeitung weiterhin in regelmässigem Kontakt geblieben. So dass sie die Entwicklung von Ebby und mir weiterverfolgen kann. Sie ist eine sehr gute Trainerin und ich wünsche Ihr alles Gute.

Etwas was ich jedoch kritisieren muss, ist die Kommunikation und Organisation der Krankenkasse am Schluss. Da ich mich bereits im Vorhinein informiert habe, wusste ich das ein oder andere. Aber dies waren nur Basisinfos aus dem Internet.

Ich habe weder ein Schreiben bekommen, noch Informationen was während er Einarbeitung und vor der Gespannprüfung z.B. mit den evtl. aufkommenden Tierarztkosten passiert oder ab wann das Futtergeld bezahlt wird.

Da meine Hündin während der Einarbeitungszeit mehrmals aus gesundheitlichen Gründen zum Tierarzt musste, musste ich hohe Beträge vorstrecken. Was auch nicht jeder kann. Der ein oder andere wird jetzt denken. Wenn man sich einen Hund zulegt, muss man mit solchen Kosten rechnen.

Trotzdem ist diese Entscheidung ja nicht „komplett“ freiwillig auf eine gewisse Art und Weise. Denn für viele Blinde ist ein Blindenführhund die einzigste Chance auf eine wenig Selbstständigkeit und Freiheit. Dies ist für die meisten Menschen alles selbstverständlich. Und nicht jeder Blinde ist finanziell in der Lage um einige Hundert Euro aufeinmal vorzustrecken.

Denn dann hieß es. „Nein, die Krankenkasse ist erst ab bestandener Gespannprpüfung für den Unterhalt des Blindenführhundes zuständig“. Aber wer in der Einarbeitungszeit dafür aufkommt, ist völlig unklar und wird einem nicht gesagt. Dann heißt es eigentlich ist die Blindenführhundschule noch zuständig. Diese übernahm natürlich direkt die Kosten für Ebby in der Einarbeitungszeit.

Zudem nahm ich an, dass ich nach bestandener Gespannprüfung z.B. ein Schreiben mit Informationen von der Krankenkasse erhalte.

Mit Infos wie Futtergeld (wann und wie viel gezahlt wird) Hunde Haftpflichtversicherung, Erstattung von Tierarztkosten Rechnungen, benötigte Bankverbindung usw.

Natürlich kann man sich im Internet informieren. Aber was ist mit z.B. älteren Blinden? Ich finde da müsste die Organisation und Informationen zwischen Blindenführhundschulen, Krankenkassen und Führhundhaltern etwas besser laufen.

Ich habe bei meiner Kasse eigenständig angerufen, mich durchgefragt und mich mehrmals informiert. Dies ist ja auch nicht wirklich Sinn der Sache.

Ich bin sehr dankbar, dass die Möglichkeit besteht, durch einen Blindenführhund mein Leben ein Stück freier gestalten zu können. Natürlich muss man sich diese Entscheidung sehr gut überlegen. Denn durch einen Hund wird der eigener Alltag schwer auf den Kopf gestellt ;-D. Aber auch wenn ich mich jetzt neu entscheiden könnte, würde ich dieselbe Entscheidung treffen.

Denn es ist nicht nur das Stück Freiheit was man erhält, sondern auch die Treue und Liebe dieses Hundes. Man gewinnt einen treuen Begleiter, einen Freund und Familienmitglied fürs Leben. Und Ebby passt zu unserer kleinen verrückten Familie.

Habt ihr allgemeine Fragen zum Thema Blindenführhund oder die Beantragung? Dann schreibt mich gerne an.
Möchtet ihr euch austauschen oder einfach von euren Erfahrungen berichten, dann dürft ihr gerne unter diesem Bericht Kommentare dalassen.

Eure Gina

MEHR ZUM THEMA:

Hier habe ich die wichtigsten Punkte für euch zusammengefasst, wenn man einen Blindenführhund beantragen möchte.

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