Depressionen – eine Erkrankung mit vielen Gesichtern

Eine Frau sitzt mit angezogenen Knien auf der Couch. Si hat ihren Kopf auf die Knie gelegt
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Depressionen bedeuten mehr
als „nur traurig sein“

1. Einführung – was genau sind Depressionen?

Depressive Störungen gehören zu den häufigsten und betreffend ihrer Schwere, die am meist unterschätzte Erkrankung. Depressive Erkrankungen werden den affektiven Störungen zugeordnet. Man findet sie im ICD-10 (F30-F39). Unter den Affektiven Erkrankungen versteht man ein Sammelbegriff diverser Formen depressiver und sogenannter manisch bzw. manisch-depressiver Erkrankungen.

Laut einer Studie sind 2015 in Deutschland ca. 11,3 % Frauen und 5,1 % Männer an Depressionen erkrankt. Eine weitere durchgeführte Studie (2015) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zeigt auf, dass weltweit rund 322 Menschen betroffen sind. Dies macht 4,4% der Weltbevölkerung aus.

Je nach Ausprägung sowie nach Anzahl der Symptome kann zwischen einer leichten, mittelgradigen oder schweren Depression unterschieden werden. Die Diagnose Depression wird gestellt wenn, über 2 Wochen oder auch länger mind. zwei der drei Hauptsymptome und zusätzlich mind. zwei der Nebensymptome vorliegen.

Hauptsymptome

Verlust von Interesse und Freude

Menschen mit Depressionen verlieren das Interesse an Dingen und Aktivitäten, welche für sie früher bedeutsam waren. Somit machen z.B. Hobbys, Freizeitaktivitäten, der Beruf, Unternehmungen mit Freuden und Familie keine Freude mehr.

Gedrückte Stimmung

Depressionen gehen oft mit einer niedergeschlagenen und gedrückten Stimmung einher. Einige Betroffene berichten von einer inneren Leere, als auch der Unfähigkeit eigene Gefühle wahrzunehmen – sie fühlen sich wie versteinert.

Mangel des Antriebs bzw. erhöhte Ermüdbarkeit

Bei einer Depression ist der Antrieb oft gestört – Betroffene können Sie nur schwer „aufraffen“. Selbst das Erledigen von Alltäglichem wie Einkaufen, Arbeiten, Aufräumen usw. kann den Betroffenen große Überwindungen kosten und ihn schnell zur Ermüdung führen oder auch eben nicht erledigt werden. Diese eingeschränkte Aktivität kann sich auch im Gesichtsausdruck und der Körperhaltung ausdrücken. Das Gesicht erscheint versteinert, Bewegungen wirken kraftlos und das Entscheidungen treffen fällt ebenfalls schwer. Wofür auch immer sich der Betroffenen entscheidet, er hat das Gefühl, das es falsch ist.

Nebensymptome

Verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit
Die Umwelt erreicht die Betroffenen bei einer Depression nicht mehr richtig. Aus diesem Grund können sie sich oft nicht erinnern, was vor kurzem passiert ist und sie machen sich dann Sorgen z.B. an einer Alzheimer-Demenz erlangt zu sein.
Vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen

Bei einer Depression sind fast immer das Selbstwertgefühl sowie Selbstvertrauen beeinträchtigt. Dies äußert sich beispielsweise in einem permanenten „Herumnörgeln“ an sich selbst.

Schlafstörungen
Ein typisches Symptom sind auch Schlafstörungen. Vor allem Einschlafstörungen und ein frühes Erwachen.
Suizidgedanken/-handlungen

Bei Depressionen besteht häufig der Wunsch, der als aussichtslos und ausweglos empfundenen Situation irgendwie zu entkommen – bis hin zu dem Gedanken sich etwas anzutun. 

Verminderter Appetit

Ein Symptom kann auch ein verminderter Appetit sein. Das Essen schmeckt nicht mehr, was zu massivem Gewichtsverlust führen kann. 

Meistens spielen bei Depressionen mehrere Ursachen eine Rolle bzw. es bestehen mehrere Auslöser. Das bedeutet, dass sich eine depressive Erkrankung aus einem Zusammenspiel vieler Faktoren/Einflüsse entwickelt. Es gibt hierbei Faktoren für eine erhöhte Anfälligkeit. 

Im Bereich der neurobiologischer Aspekte – stehen z.B. eine genetische Veranlagung und als Auslöser können hierbei z.B. Veränderungen auf der Stresshormonachse sein. Im Bereich der psychosozialen Aspekten können hier z.B. frühe traumatische Erlebnisse ein Aspekt und als Auslöser z,B. Verlusterlebnisse, chronische Überlastungen sein. Diese beiden Bereiche schließen sich gegenseitig nicht aus, sondern ergänzen sich vielmehr. 

So dass meistens beiden Seiten, also körperliche (neurobiologische) und psychosoziale Ursachen im „Diagnoseprozess“ gesucht werden.

2. Erfahrungsberichte vier betroffener Frauen

Berichte von Erfahrungen Betroffener sind sicherlich subjektive Eindrücke der eigenen erlebten Erkrankung. Jeder Mensch mit Depressionen hat seine eigene Geschichte und Ursache bzw. Auslöser der Krankheit. 

Erfahrungsberichte können aber anderen Betroffenen zum einen zeigen, dass sie nicht alleine mit ihrer Erkrankung sind und zum anderen sich in der ein oder anderen Schilderung selbst wiederfinden, um somit Mut oder Hoffnung daraus ziehen zu können. 

Hier möchte ich euch vier betroffene Frauen vorstellen, welche sich bereit erklärt haben einige Fragen zum Thema Depressionen und der daraus resultierten Beeinträchtigungen im alltäglichen Leben zu beantworten. 

Sie hatten mehrere Möglichkeiten die Interviewfragen zu beantworten – schriftlich, mündlich per Telefon oder Sprachnachricht und per Zoom. 

Da je nach Symptomatik und Nebenerkrankungen es nicht jedem Betroffenen möglich ist z.B. sich frei sprachlich zu äussern, sie sich nicht trauen frei vor einem anderen Menschen zu sprechen oder aufgrund anderer Beeinträchtigungen schriftlich auf Fragen zu antworten.  

Es werden hier lediglich der Vorname und das Alter der Betroffenen  oder ein Pseudonym genannt, wenn jemand befürchtet, dass sie wiedererkannt werden könnte. 

Hier möchte ich mich noch mal ganz herzlich bei den Frauen bedanken, dass sie so offen und ehrlich auf die Fragen geantwortet haben. Uns an einem Teil ihres Lebens bzw. ihrer Erkrankung teilhaben lassen, um so z.B. anderen Betroffenen Mut zu machen. Aber auch um aufzuzeigen, dass dies eine ernsthafte Erkrankung darstellt, welche immer noch oft mit massiven Stigmatisierungen und Vorurteilen behaftet ist. 

Zudem haben sie mir beantwortet, was sie sich von der Gesellschaft und der Politik für sich und alle Betroffenen dieser Krankheit in Zukunft wünschen. 

Anna, 30 Jahre

Anna ist 30 Jahre alt und hat einen Hund. Sie studiert Angewandte Psychologie und aufgrund ihrer psychischen Erkrankung und dessen Beeinträchtigungen geht sie nicht neben ihrem Studium zusätzlich noch arbeiten. 

Anna, wie hat bei Dir die Depression begonnen?

Die depressive Erkrankung hat sich bei mir schleichend ausgebildet. 

Als Auslöser waren unter anderem meine Kindheit. Denn ich bin in schwierigen familiären Verhältnissen aufgewachsen. Zudem wurde bei mir mit 15 Jahren eine Angsterkrankung diagnostiziert. Daraus resultierende Misserfolge, sowie negative Erfahrungen welche ich gemacht habe, trugen immens dazu bei. 

Es fing damit an, dass ich mein Leben nicht mehr bewältigen konnte und sehr eingeschränkt aufgrund meiner Angsterkrankung war. Außerdem war ich nicht mehr in der Lage regelmäßig in die Schule zu gehen, weshalb ich auch gemobbt wurde. 

Problematisch war zudem, dass ich keine familiäre Unterstützung oder familiären Halt hatte. Somit hatte ich auch keinen Ansprechpartner und so hat sich niemand mit meinen Problemen und der Erkrankung auseinander gesetzt. 

Diese massive Überforderung als Fünfzehnjährige und die Instabilität meiner Kindheit hat dann dazu geführt, dass sich diese Depression langsam uns stetig entwickelt hat. 

Wie ist der Verlauf Deiner Depression und welche Symptome machen sich bei Dir bemerkbar?

Meine Depression verläuft bei mir konstant und somit täglich, aber mit zyklischer Wiederkehr von massiven Schüben. 

Bei mir äussern sich Symptome wie Grübeln, Minderwertigkeitskomplexe, Antriebslosigkeit, verminderte Leistungsfähigkeit, Schlafprobleme wie Einschlaf- und Durchschlafprobleme oder auch Alpträume. 

In diesen zyklischen wiederkehrenden Schüben habe ich die oben genannten täglichen Symptome ganz extrem. Dazu kommen dann noch Gefühllosigkeit und somit eine innere Leere. Ich kann das nur so erklären, dass man sich wie in einem Vakuum fühlt. Es dringt nichts mehr zu einem durch und man selber auch nichts mehr fühlt – bis hin zu Suizidgedanken. 

Wenn ich diese schweren Schübe und auch Suizidgedanken verspüre, hilft mir dann diese „Vernunft“, die ich dann trotzdem noch in mir habe, so dass ich für mich keine wirkliche Gefahr darstelle. 

Mein Hund sowie die Leute denen ich was bedeute, geben mir den dann nötigen Halt, welchen ich dann brauche und sie eben nicht im Stich lassen möchte. 

Zudem ist es bei solchen Schüben so, dass alles was ich dann mache/machen muss, mich sehr viel Energie kostet. Man kann sich das vorstellen, dass man einen „Bleimantel“ anhat, denn man mit sich „rumschleppen“ muss. Dies kann auch dazu führen, dass ich dann wirklich im Bett rumliege und selbst einfachste Gänge wie Essen kochen, Briefe aus dem Briefkasten holen, duschen gehen etc. für mich dann nicht mehr möglich sind.

Befindest du Dich zur Zeit in Therapie und was kann dir helfen?

Ich war in stationärer Behandlung und habe bereits in der Vergangenheit verschiedene Therapien gemacht.

Momentan bin ich ebenfalls in einer Tiefenpsychologischen Psychotherapie und zudem medikamentös eingestellt. 

Mir hilft, dass ich sehr darauf achte wen ich in mein Umfeld lasse und ob mir die Personen gut tun oder sich langfristig nur negativ auf mich auswirken. 

Das unterstützt mich bei meiner Stabilität und Erkrankung. Außerdem hilft mir, wenn ich auf meine Ernährung achte. Denn ich merke wenn ich mich schlechter bzw. ungesund ernähre wie z.B. zu viel Zucker, dass meine Depression dann schlimmer wird. 

Ausser der Therapie und meiner Medikamente, welche mir eine gewisse Grundstabilität geben, hilft mir auch viel draussen in der Natur spazieren zu gehen. 

Wie wirkt sich Deine Depression auf deine Freizeit und dein Sozialleben aus?

ich habe Hobbys denen ich nachgehe wie Gartenarbeit, Musik machen und meinen Hund. 

Meine Erkrankung hat sich massiv auf mein Sozialleben ausgewirkt. Denn da ich sehr antriebslos und introvertiert bin, hat dies negative Auswirkungen auf Soziale Kontakte. So sind langfristige Freundschaften bei mir zum Teil schwer aufrecht zu erhalten. 

Was würdest Du Angehörigen raten?

Ich rate Angehörigen, Freunden und Bekannten, dass sie sich informieren sollen was eine Depression ist und wie sie sich für Betroffene im Leben auswirkt und was sie bedeutet. Außerdem sich zu informieren, wo die Möglichkeiten liegen Hilfestellungen zu leisten, aber auch wo dann die Grenzen liegen. 

In Selbsthilfegruppen für Angehörige kann man sich auch mit anderen Angehörigen Betroffener austauschen  und gegenseitig unterstützen. 

Was würdest Du anderen Betroffenen raten?

Ich rate ihnen sich frühzeitig Hilfe und Unterstützung zu holen. Die eigene Befindlichkeit und Wohlergehen ernst zu nehmen. 

Wenn man bei sich Anzeichen merkt, ist der erste Ansprechpartner der eigenen Hausarzt. Wenn man eine Psychotherapie anstrebt sollte man, sich mit dem Therapeuten/der Therapeutin und der therapeutischen Methode wohlfühlen. 

Die eigene Krankenkasse kann dahingehend einen auch informieren, was in Frage kommt, wie viel Sitzungen und Kosten übernommen werden. 

Merkt man nach einigen Sitzungen, dass man mit der Therapeutin/dem Therapeuten nicht zurecht kommt oder sich immer noch unwohl fühlt, sollte man dies ansprechen und gegebenenfalls wechseln. 

Wie sehen Deine Wünsche an die Gesellschaft und die Politik in Bezug auf Depressionen aus?

Depressionen als auch allgemein psychische Erkrankungen mehr Aufmerksamkeit bekommt, sowie mehr Aufklärung betrieben wird. 

Ich fände es auch wichtig, dass bereits früh mit präventiven Maßnahmen z.B. in Kindergarten und Schule entgegengewirkt wird. Das Kinder in schwierigen familiären Verhältnissen, einen Ort haben wo sie gesunde Bewältigungsstrategien erlernen und resistenter werden können um so Stabilität ausbauen zu können. 

Das Kinder altersgerecht lernen, dass ihre körperliche aber auch psychische Gesundheit wichtig ist und dies dann entsprechend diese Verhaltensweisen mit ins Erwachsene nehmen können. 

Janine, 42 Jahre

Janine ist 42 Jahre alt und hat eine zehn Jahre alte Tochter. Sie lebt in einer Beziehung mit ihrem Partner, welcher ebenfalls an Depressionen leidet. 

Sie ist gelernte Krankenschwester, aber mittlerweile arbeitsunfähig und seit Dezember 2020 als nicht mehr geeignet für Ihren Beruf aus der Reha entlassen. Mit der Deutschen Rentenversicherung wird nach einer neuen Richtung für eine Umschulung geschaut. Seit Ende 2018 absolviert sie ein Fernstudium. 

Janine, wie hat Deine Depression begonnen?

Seit 2006 befinde ich mich aufgrund von Depressionen als auch einer sozialen Phobie in Behandlung. Jedoch denke ich, dass ich bereits länger unbewusst mit der Erkrankung gekämpft habe. 

Ich war ein Scheidungskind und wurde von der neuen Frau meines Vaters nicht wirklich akzeptiert. Zudem war der neue Lebenspartner meiner Mutter Alkoholiker. 

Als ich 18 Jahre alt war habe ich meinen ersten Freund verloren, der an einem Gehirntumor verstorben ist. Zuvor habe ich ihn noch 2 Jahre gepflegt. 

Meine erste Panikattacke hatte ich 2004 bei einer MRT Untersuchung. Es folgten zukünftig immer schlimmerer Attacken, so dass ich Angst hatte sterben zu müssen. 

Ich begann diverse Ärzte aufzusuchen, ohne das physische Ursachen gefunden wurden. Bis mir einer der Ärzte riet eine Psychotherapeutin aufzusuchen. Ich war sehr erleichtert, da ich endlich eine Diagnose hatte womit man „arbeiten“ kann. 

Wie ist der Verlauf Deiner Depression und welche Symptome machen sich bei Dir bemerkbar?

Bei mir macht sich die Depression bemerkbar indem ich mich selbst vernachlässige und kein Interesse mehr hab etwas für mich zu tun z.B. mich zu duschen zu pflegen und mir überhaupt für mich und mein Äusseres Zeit zu nehmen. 

In meinen schlechtesten Zeiten habe ich mir z.B. ein halbes Jahr nicht mehr meine Haare gekämmt. Wenn ich rückblickend darüber nachdenke erschrecke ich mich bei diesen Gedanken. Jedoch nahm ich das damals überhaupt nicht wahr, denn es war mir komplett egal. Ich habe mich gefühlt, als wäre ich es nicht Wert mich zu pflegen und ich habe mich als unwichtig gefühlt. 

Mittlerweile habe ich gelernt diese Symptome früh genug wahrzunehmen und muss mich dazu zwingen mir etwas Gutes zu tun – auch wenn es sich in dem Moment eher falsch anfühlt. Ich weiß aber danach, dass ich mich dann ein kleines Stück besser fühle. 

Im Alltag selbst fühle ich mich oft überfordert, da ich mich selbst unter Druck setze, dadurch dass ich mir viel zu viel vornehme. Dann sitze ich trotzdem wie mit „bleigefüllt“ auf der Couch und kriege nichts geschafft – was mich dann im Umkehrschluss in meinen Augen wieder weniger liebenswert und mich als Person weniger Wert macht. 

Auch beruflich musste ich unbedingt immer funktionieren, bis dass ich in der ambulanten Pflege irgendwann bei einer Patientin kollabiert bin. Anschließend war ich 1 Jahr arbeitsunfähig.

Insgesamt bin ich viel labiler und schmerzempfindlicher geworden. Wenn ich meine Tochter und die Verantwortung für sie nicht gehabt hätte, dann wüsste ich nicht ob ich heute noch hier wäre. Zudem hilft mir in schlechten Phase, dass ich weiß das meine Freunde da sind. Hilfreich ist für mich ebenfalls mich zu bewegen und regelmässig Pausen zwischendurch zu machen – auch wenn ich dann nur 1 oder 2 Punkte meiner Liste abgearbeitet habe. 

Ich befinde mich in Psychotherapie und lerne auf meine Symptome zu achten, sowie mit meiner Erkrankung zu leben. Ich bin zurzeit medikamentös eingestellt und habe zudem zwei medizinische Rehabilitationen, als auch Mutter-Kind-Kuren hinter mir, welche mir viel gebracht haben. 

Wie wirkt sich Deine Depression auf deine Freizeit und dein Sozialleben aus?

Zu meinen Hobbys gehören lesen, meine Haustiere wie mein Hund und meine Katze, als auch Spazierengehen. 

Anfangs bin ich auf wenig Verständnis gestoßen, denn die Leute konnten meine Situation nicht nachempfinden.  Meine Familie hat mir ebenfalls wenig Verständnis entgegengebracht. 

Bei einigen Ärzten traf ich auch zum Teil auf Unverständnis. Ich habe mich lange geweigert Medikamente zu nehmen, irgendwann hatte ich aber das Gefühl das es nicht mehr ohne möglich ist. 

Zunächst wollte ich pflanzliche Präparate wie Johanneskraut einnehmen. Dies erhält man entweder in Eigenleistung oder auf Rezept als Kassenleistung. Jedoch wollte die Ärztin mir kein Rezept ausstellen, mit der Begründung damals, dass ich noch so jung wäre und ich doch wohl keine mittelgradige Depression in meiner Krankenakte stehen haben möchte. 

Was würdest du anderen Betroffenen raten?

Wenn jemand denkt, er wäre betroffen oder eben nur weiß “es stimmt mit mir etwas nicht”, sollte er sich auf jeden Fall Hilfe suchen. Zudem sind sie nicht alleine, denn es gibt sehr viele Anlaufstellen, welche eine Unterstützungbieten. 

Ich persönlich habe auch gute Erfahrungen mit dem Integrationsfachdient (IFD) als auch mit dem sozialpsychatrischen Dienst meiner Stadt gemacht. Natürlich hat man auch die gesellschaftlichen Vorurteile der Gesellschaft im Hinterkopf, wenn man solche Hilfen aufsucht. 

Jedoch sollte man sich nicht verstecken und seine Erkrankung verheimlichen, sondern offen mit sich und seiner Krankheit umgehen. 

Was wünschst du Dir von der Gesellschaft und der Politik?

Ich würde mir wünschen, dass Depressionen aber auch im Allgemeinen psychische Erkrankungen, weniger mit negativen Vorurteilen behaftet sind. 

Außerdem sollten Symptome und Krankheiten, welche nicht auf den ersten Blick sichtbar sind ernster genommen werden. Wenn man erst einmal oder überhaupt keine Medikamente nehmen möchte, sondern pflanzliche Präparate bevorzugt, sollte man von therapeutischer Seite nicht verurteilt werden. 

Politisch würde ich mir wünschen, dass es einen schnelleren Zugang zu Therapieplätzen gibt. Da es nicht selten der Fall ist, dass man ein halbes Jahr Wartezeit hat bis man einen Platz bekommt. 

Fazit

Ich habe jahrelang durch Erfahrungen und Ratschläge gelernt. Zudem gibt es nicht die „eine Behandlung“ und danach ist man wieder völlig gesund. Zudem habe ich selber durch meinen Partner erlebt, wie unterschiedlich Symptome von Männern und Frauen sein können. 

Ich kann nur empfehlen sich selbst Zeit zu geben. 

Mir und meiner Tochter hat z.B. das Buch „Mamas Monster“ geholfen, so dass meine Tochter verständlichergemacht werden konnte was mit mir los ist. 

Andrea, 43 Jahre

Andrea ist 43 Jahre alt, hat 2 Kinder, ist verheiratet aber lebt seit zwei Jahren getrennt von ihrem Mann. Sie arbeitet als examinierte Altenpflegerin. Sie wird jedoch höchstwahrscheinlich, aufgrund ihrer Erkrankung und weiteren Beeinträchtigungen, ihren Beruf nicht mehr in Vollzeit ausüben können. Sie studiert an einer Fernuniversität Pflegemanagement neben ihrem Beruf. 

Andrea, wie hat bei Dir die Depression begonnen?

Bei mir hat dies bereits im Teenageralter angefangen. Jedoch konnte es von mir selbst mehr oder weniger gut „in Schach“ gehalten werden. 

Tatsächlich habe ich mir vor 2 Jahren erstmals Hilfe gesucht, nachdem ich eigenständig nicht mehr aus „dem Loch“ kam. 

Mein Neurologe diagnostizierte mir eine mittelgradige Major Depression, welche sich leider diesmal komplett über zwei Jahre streckt und zurzeit ein doch bedenkliches Ausmaß annimmt. 

Der Auslöser war vor 2 Jahren das Scheitern meiner Ehe durch eine andere Frau und einer unschönen Trennung. 

Welche Symptome machen sich bei Dir bemerkbar?

Bei mir ist es so, dass ich unter dem gesamten Spektrum aller möglichen Symptome einer Depression leide.

Zusätzlich habe mittlerweile meinen dritten Bandscheibenvorfall. Das Ganze beeinträchtigt mich zusammen mit meinem anderen körperlichen Symptomen massiv. 

Ich habe das Gefühl mich eigentlich eher „nur noch im Funktionsmodus“ zu befinden. 

Bist Du zur Zeit in Therapie?

Ja, ich bin seit zwei Jahren in Psychotherapie und war letztes Jahr auch einige Wochen aufgrund dessen in einer Klinik. 

Wie gestaltet sich Deine Freizeit sowie dein Sozialleben mit deiner Erkrankung?

Ich höre gerne Musik  und versuche meine Feinmotorik mit häkeln zu fördern. 

Meine Familie kommt leider nicht so gut damit zurecht – es wird lieber totgeschwiegen. Ich schätze dass sie sich hilflos fühlen und vielleicht auch Angst haben. 

Meine Freunde haben alle sehr gut reagiert, waren äusserst verständnisvoll und haben fast einstimmig gemeint, dass sie nach der ganzen Belastung „eigentlich nur darauf gewartet haben“, dass meine Fassade bricht. 

Was würdest Du anderen Betroffenen raten? 

Ich würde ihnen raten sich Hilfe und Unterstützung zu suchen und sich gegebenfalls an einen Arzt su wenden. 

Ich kann aber auch verstehen, wenn das jemand nicht möchte. 

Was würdest Du Dir von der Gesellschaft und auch von der Politik wünschen?

Ich würde mir mehr Verständnis wünschen. Das Problem ist, dass sich zu viele Menschen nicht trauen „laut“ zuzugeben, dass sie von einer Depression betroffen sind. 

Depressionen sind immer noch mit Stigmatisierungen behaftet und umgeben von unpassenden Ratschlägen oder Sprüchen. Vielen Menschen ist nämlich gar nicht bewusst, was sie mir ihren unüberlegten Kommentaren anrichten können. 

Von der Politik würde ich mir wünschen, dass sie depressive Erkrankungen ernst(er) nehmen und sich mehr dafür einzusetzen, Aufklärungen zu leisten und somit Veränderungen und ein Umdenken anzuschieben. 

Kora (Pseudonym), 33 Jahre

Sie ist 33 Jahre und lebt in einer festen Beziehung. Sie möchte in diesem Bericht lieber anonym bleiben, deshalb hat sie hier das Pseudonym Kora.

Sie ist zu 80 Prozent berufstätig und studiert neben dem Beruf. 

Wie hat deine Depression begonnen, wie ist diese verlaufen und bist du in therapeutischer Behandlung?

Ich habe eine Depression und Morbus Crohn. Es ist nicht bekannt, welche Erkrankung ich zuerst hatte. Jedoch wurde das Morbus Crohn erst mit 17 Jahren diagnostiziert und die Depressionen bereits mit 15 Jahren.

Zu dieser Zeit litt ich unter Magersucht und befand mich 3 Monate in einer Spezial-Klinik in welcher ich auch therapeutisch behandelt wurde. Nachdem ich dann wieder zu Hause war, kämpfte ich als 16-jährige mit einer Bulimie und musste dann auch Anti-Depressiva nehmen. 

Es ist sehr schwer nachzuvollziehen, ob der Morbus Crohn nicht schon „früher da war“ und so stellt sich die Frage ob dieser evtl. mehr mit meiner Depression zu tun hat durch z.B. Serotonin Produktion. 

Ich bin mit Unterbrechungen in etwa insgesamt 4 bis 5 Jahre in therapeutischer Behandlung und nehme auch heute noch weiterhin Anti-Depressiva. Ich möchte jedoch dieses Jahr versuchen damit aufzuhören. 

Wie wirkt sich Deine Depression auf dein Soziallelben aus?

Mit meiner Morbus Crohn Erkrankung gehe ich sehr offen um und mein gesamtes Umfeld weiß hierüber Bescheid. Ich erhalte viel Unterstützung durch meine Familie, Freunde und auch Arbeitskollegen. Von meiner depressiven Erkrankung wissen jedoch nur meine engsten Vertrauten. 

Denn leider ist es immer noch so, dass viele Menschen Vorurteile haben und auch einfach zu wenig über die Krankheit Depressionen wissen. Ich möchte nicht, dass mich die Leute dann anders sehen – wenn sie davon erfahren würden. 

Was würdest Du Dir und für andere Erkrankte von der Gesellschaft und Politik wünschen?

Es wurde bisher schon im Bereich psychischer Erkrankungenviel getan. Jedoch gibt es meines Erachtens noch viel Potenzial nach oben.

Die Politik sollte hier massiv eingreifen, um die Aufklärung und den Support psychischer Erkrankungenvoranzubringen. Das Bild einer psychischen Klinik oder Psychotherapie muss sich gesellschaftlich definitiv noch etwas verändern und ein Umdenken stattfinden. 

So dass solche Erkrankungen ernster genommen werden und nicht durch „abwertende“Aussagen oder Symptome herunterspielen oder als unbedeutend hinstellen – dass jeder mal traurig oder deprimiert ist oder man mal raus in die Sonne gehen soll, dass es dann schon besser wird. 

Denn in unserer Leistungsgesellschaft scheint es immer noch verpönt zu sein, wenn man nicht immer 100 % Leistung erbringen kann. 

Dies macht es Erkrankten leider immer noch schwer zu sich und seiner Erkrankung zu stehen. 

3. Hilfen und Unterstützungsmöglichkeiten

Iim Falle einer Erkrankung oder des Verdachts einer Depression suche bitte ein Gespräch mit einem Arzt oder einem Psychotherapeuten.

Im Grundsatz ist vorerst dein Hausarzt der erste Ansprechpartner für eine Diagnose und die Behandlung von Depression. 

Jedoch überweist er dich bei Bedarf an Fachärzte in Kliniken oder Arztpraxen oder an einen Psychotherapeuten.  ********************** ACHTUNG ***********************

Bei einem NOTFALL – zum Beispiel konkreten Suizidgedanken – wende dich bitte an den nächsten NOTARZT unter 112 oder an eine nächstgelegene psychiatrische Klinik. 

Links zu Listen von Kliniken, Beratungsangeboten als auch Krisentelefonnummern, usw. findest du hier: 

Info-Telefon Depression:  https://www.deutsche-depressionshilfe.de/depression-infos-und-hilfe/wo-finde-ich-hilfe/info-telefon

Klinikadressen:  https://www.deutsche-depressionshilfe.de/depression-infos-und-hilfe/wo-finde-ich-hilfe/klinikadressen

Krisendienste und Beratungsstellenhttps://www.deutsche-depressionshilfe.de/depression-infos-und-hilfe/wo-finde-ich-hilfe/krisendienste-und-beratungsstellen

Überregionale Krisentelefone: https://www.deutsche-depressionshilfe.de/krisentelefone

Links und Literatur: https://www.deutsche-depressionshilfe.de/depression-infos-und-hilfe/wo-finde-ich-hilfe/links-und-literatur

Eure Gina 

Genutzte Quellen:

https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/praevention/gesundheitsgefahren/depression.html

https://www.deutsche-depressionshilfe.de/depression-infos-und-hilfe

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