Interview mit einer Sekundarschullehrerin zum Thema Inklusion

Man sieht viele verschiedne ausgestreckte farbige Hände
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Frau Blumberg lächelt in die Kamera Sie trägt ein Sonnenbrille auf dem Kopf und einblaues gemustertes sommerliches Top. Hinter ihr sieht man einen Wald und einen See.

Vanessa Blumberg (28, Lehrerin) hat den Bachelor und Master auf Lehramt studiert. Im Frühling 2020 beendete sie erfolgreich ihre eineinhalbjährige Referendariatszeit mit dem 2. Staatsexamen und ist nun Lehrerin.

Während ihrer gesamten Studienzeit absolvierte Frau Blumberg mehrere Praktika und ihr sechsmonatiges Praxissemester an verschiedenen Schulen und lernte so unterschiedliche Schulsysteme und Inklusionskonzepte kennen. Zum späteren Zeitpunkt ihres Studiums arbeitete sie dann nebenbei als studentische Vertretung insgesamt knapp ein ganzes Schuljahr an einer Sekundarschule im Märkischen-Kreis, wo sie viel praktische Erfahrungen im Schulalltag sammeln konnte. Ihre gesamte Lehrerreferendariatszeit verbrachte Frau Blumberg dann an einer Sekundarschule im Oberbergischen Kreis.

Mit dem Thema Inklusion wurde Vanessa Blumberg auf allen Schulen an denen sie arbeitete auf die ein oder andere Weise konfrontiert. Somit konnte sie in diesem Bereich diverse Konzepte kennenlernen und sich kritisch mit diesen und der praktischen Umsetzung auseinandersetzen.

„Liebe Frau Blumberg ich habe Sie um ein Interview zum Thema Inklusion gebeten. Es ist interessant die Meinung einer frisch gebackenen Lehrerin zu erfahren und speziell die Seiten der Lehrer näher zu beleuchten.

Wir wissen ja bereits einiges über Ihren Hintergrund und ich würde Ihnen nun gerne einige Fragen zum Thema Inklusion und dessen Umsetzung stellen.“

„Sie haben in den letzten Jahren mehrere Konzepte zur praktischen Umsetzung der Inklusion an Schulen kennengelernt. Wie wird Inklusion bei Ihnen an der Schule an der Sie seit über eineinhalb Jahren tätig sind, umgesetzt?“

„ An unserer Schule gibt es Klassenjahrgänge von der 5. bis zur 10. Klasse. In den jeweiligen Klassen sind ca. 25-28 Schüler. In allen Jahrgangsstufen sind die c-Klassen sogenannte Inklusionsklassen. Das bedeutet, das ca. 5-9 Schüler mit Förderschwerpunkt mit „normalen“ Schülern gemischt und gemeinsam unterichtet werden. In diesen Inklusionsklassen sind max. bis zu 18 Schüler. Hier werden eben nicht die „Inklusionsschüler“ in alle Klassen aufgeteilt, sondern in jedem Jahrgang nur in die jeweiligen c-Klassen integriert. Jede c-Klasse hat einen Klassenlehrer und sollte theoretisch noch zusätzlich durch einen Sonderpädagogen unterstützt werden.“

„Was meinen Sie mit theoretisch? Und wie empfinden Sie und die Lehrerkollegen diese Umsetzung der Inklusionsklassen?

„Das ist ein wenig zweigeteilt zu sehen und unterstützt zum Teil auch meine Meinung. In den c-Klassen bzw. Inklusionsklassen hat man somit quasi den besseren Überblick. Man weiß, dass z.B. in der 5. Klasse meinetwegen 6 Schüler mit Förderschwerpunkt sind, auf die der Lehrer sich dann einstellen kann. Das Problem ist, dass wie bereits erwähnt eben theoretisch für jede Inklusionsklasse eine Klassenleitung sowie ein Sonderpädagoge zur Unterstützung zur Verfügung stehen sollte. Jedoch ist dies aber leider nicht der Fall.“

“Wieso, hat denn nicht jede c-Klasse bzw. Inklusionklasse zu der Klassenleitung jeweils einen Sonderpädagogen, wie es eigentlich „vorgeschrieben“ ist? “

Frau Blumberg lacht. „ Entschuldigen Sie aber da muss ich lachen. Es steht uns nur ein einziger Sonderpädagoge für die ganze Schule bzw. für alle 6 Inklusionsklassen zur Verfügung. Das heißt, dass sich der jeweilige Sonderpädagoge dann auf die Inklusionklassen aufteilen muss, um alle Schüler zu betreuen.“

„Somit muss überlegt werden, dass die Klassenleitung mit allen anfallenden Aufgaben, zusätzlich noch fast alleine für 5-9 Förderschule zuständig ist und die restlichen Schüler dieser Klasse.“

“Da muss man ehrlich sagen, dass der ein oder andere Lehrer dann froh ist keine c-Klasse zugeteilt zu bekommen. Denn sie wissen wie wenig Unterstüzung sie erhalten, da nicht genügend Fachpersonal zur Verfügung steht.”

„Fühlen Sie sich und Ihre Kollegen damit alleine gelassen und überhaupt kompetent genug, mit wenig Unterstützung in diesen Klassen zu unterrichten und alle Schüler entsprechend zu fördern?

„Ich kann natürlich nicht für andere Lehrer sprechen. Man redet sicherlich das ein oder andere Mal im Lehrerzimmer über diese signifikante Thematik. Es gibt auch einige Lehrer die sagen, dass man in die Situation dann reinwächst. Jedoch ist der Konsens definitiv, dass sich sehr viele Lehrer damit überfordert und sich nicht fachlich genug weitergebildet fühlen. Wie bereits gesagt haben wir lediglich einen Sonderpädagogen der alle Klassen vor allem die Inklusionsklassen unterstützt. Diese Klassen stellen ganz klar mehr Arbeit dar. Somit ist dann der Klassenlehrer fast alleine für alle Schüler und Schüler mit Förderschwerpunkt zuständig.“

„Ich für mich kann definitiv ehrlich sagen, dass ich mich damit überfordert fühlen würde. Da ich finde das wir Regelschullehrer fachlich nicht genügend ausgebildet bzw. weitergebildet sind, um dem gerecht zu werden. Viele Regelschullehrer wären sicherlich bereit sich zum Thema Inklusion und vor allem die Förderung von Inklusionkindern weiterzubilden. Jedoch steht dies leider bis jetzt nicht zur Verfügung, da ja eigentlich jede Klasse zusätzlich einen Sonderpädagogen zur Unterstützung erhalten soll. So dass man sich untereinander austauschen und reflektieren könnte, um allen Schülern gerecht werden zu können.“

“Ich muss dazu auch sagen, dass ich in meinem gesamten Studium kaum etwas über Inklusion intensiv gelernt habe. Natürlich wurde das am Rande eingebunden und erwähnt. Aber ich persönlich fühle mich zum diesem Themenbereich absolut nicht vernünftig ausgebildet. Ich würde mir wünschen, dass es ein Basisseminar zum Thema Inklusion und den Umgang sowie die Unterstützung von Schülern mit Förderbedarf im Grundstudium geben würde. Somit wäre man zumindest grundlegend auf diese Thematik vorbereitet und könnte sich dann noch weiterbilden. Es gibt sicherlich auch noch die Möglichkeit ein zusätzliches Referendariat mit diesem Schwerpunkt zu machen, jedoch kann das ja nicht jeder Lehrer machen. Sowohl Kollegen als auch ich selbst würden spezielle Weiterbildungen zum Thema Inklusionsklassen und Schüler mit Förderbedarf als sinnvoll erachten.“

„Was für Förderschwerpunkte gibt es denn in den Inklusionsklassen an Ihrer Schule? “

„Unter klassischen Inklusionsschülern bzw. Schüler mit Förderbedarf assoziiert man ja oft eher körperliche oder geistige Behinderungen. Jedoch kenne ich zum Beispiel lediglich von allen Schulen wo ich bis jetzt war nur ein einziges Kind von der Schule im Nachbargebäude, welches eine körperliche Behinderung hat.“

„Bei uns dominieren Förderschwerpunkte wie ES – Emotional und soziale Entwicklung. Beim Förderschwerpunkt LE- Lernen haben die Schüler Beeinträchtigungen im Lern- und Leistungsverhalten. Zudem haben wir noch Schüler mit dem Förderbedarf SQ – Sprache, wo die Kinder in ihrer Sprache beeinträchtigt sind. “

„ Zum Teil bekommen diese Kinder dann je nach Förderschwerpunkt keine Benotung, sondern nur Wortzeugnisse. “

„Und um ehrlich zu sein wäre unsere Schule jetzt auch zum Teil baulich und vor allem auch aufgrund der medialen Ausstattung gar nicht auf körperlich beeinträchtigte Schüler wie z.B. mit Hörbehinderung, Sehbehinderung, ausgelegt.“

„Eine Zeit lang war auch eine Integrationshelferin an unserer Schule tätig. Aus welchen Gründen sie nun nicht mehr an der Schule ist, entzieht sich leider meiner Kenntniss. Wie bereits erwähnt haben wir noch eine Sonderpädagogin bei uns an der Schule. “

„In meinem Freundeskreis habe ich auch Freundinnen die Förderschulpädagogik studiert haben. Und sie sagen, dass sie definitiv lieber an einer reinen Förderschule arbeiten und unterrichten möchten, welche auf den jeweiligen Förderschwerpunkt ausgerichtet sind, als an einer Regelschule mit Inklusion. Da sie dort dann i.d.R. für alle Förderschwerpunkte zuständig sind und meist die Regelschule eben nicht genügend Fachpersonal aufweisen, so dass man den Inklusionsschülern einfach nicht gerecht werden kann.“

Was würden Sie sich und ihre Lehrerkollegen in Bezug auf die Umsetzung der Inklusion in Schulen wünschen bzw. was wäre Ihr Wunschkonzept

„Zunächst finde ich es essenziell, dass genügend Fachpersonal bzw. Sonderpädagogen zur Verfügung gestellt werden. So dass es wie es theoretisch vorgeschrieben ist, für jede Inklusionklasse einen separaten Sonderpädagogen zur Unterstützung gibt. Damit es gewährleistet werden kann, dass alle Schüler in den Inklusionklassen ob mit oder ohne Förderschwerpunkt, so gefördert und unterstützt werden können, wie sie es benötigen. Dies würde nur dann funktionieren, wenn die Klassenleitung eben nicht fast auf sich alleine gestellt ist mit allen Schülern in der Inklusionsklasse. Denn man muss ja auch bedenken, dass die Schüler ohne Förderschwerpunkt nicht hinten an gestellt werden können, da die meiste Energie dann für die 5-9 Inklusionschüler aufgebracht werden muss.“

„Zudem geht dies automatisch einher damit, dass die Politik mehr Gelder für diesen Bereich zur Verfügung stellen muss. Diese Gelder sollten zum einen für genügend Fachpersonal zur Verfügung stehen und zum anderen sollten meiner Meinung nach wir Regelschullehrer diesbezüglich regelmäßig weitergebildet werden. Damit wir uns auch sicherer im Umgang mit den Inklusionklassen und deren Bedürfnisse fühlen. Zudem müsste die Schule auch Medial besser aufgestellt werden, um den Schülern mit diversen körperlichen Beeinträchtigungen gerecht werden zu können. Eine Wunschvorstellung wäre das sogenannte „Team Teaching“ – als dauerhaftes Element mit einem Sonderpädagogen zusammen. “

„Wie bereits erwähnt soll und wird Inklusion immer mehr in die Regelschulen integriert und da finde ich es signifikant, dass man sich im Lehramtsstudium bereits viel intensiver damit auseinandersetzt.“

„So könnte evtl. dauerhaft gewährleistet werden, dass das Konzept der Inklusion zukünftig noch besser umgesetzt werden kann von allen Regelschullehrern.“

„Sie kennen ja nun Konzepte der Inklusion. Welches Konzept finden Sie besser umsetzbar? “

„Ich war ja bis jetzt in meinem jungen Lehrerleben immer an den relativ „neuen“ Sekundarschulen. An der anderen Sekundarschule wurde Inklusion etwas anders umgesetzt. Da wurden Inklusionsschüler nicht in jeweils eine Klasse des Jahrgangs aufgeteilt, sondern eben in alle Klassen eines Jahrgangs gleich verteilt. So dass dann im Durchschnitt pro Klasse ca. 2-3 Förderschüler waren. Dazu muss ich aber auch sagen, dass man die Sonderpädagogen die da waren, noch weniger gesehen hat, da sie sich ja auf alle Klassen aufteilen mussten. An dieser Schule waren aber auch viel zu wenig Sonderpädagogen. Somit hat meiner Meinung nach jedes Konzept sein für und wieder. Ohne genügend Fachpersonal ist jedes Konzept sehr schwierig vernünftig umzusetzen.“

„Zum Schluss noch die Frage was Sie sich persönlich, als frisch gebackene Lehrerin, von der Politik zum Thema Inklusion wünschen. Was könnte die Politik verbessern, um Inklusion an Regelschulen besser umzusetzen zu können?“

„Ich finde das Konzept der Inklusion sehr wichtig und gut, dass diese Thematik den Kindern von klein an nahegebracht wird. So dass so zukünftig eine größere Akzeptanz geschaffen wird bzw. das alle Menschen egal ob mit oder ohne Beeinträchtigung gleich sind. “

„Was ich mir noch wünschen würde, wäre dass sich die Ideen oft theoretisch sehr gut anhören, aber es an der praktischen Umsetzung oft hapert. Es wäre schön wenn mehr Lehrer in die theoretische Konzeptentwicklung mit einbezogen werden. Wichtig wären hier vielleicht auch mehr Gespräche mit den einzelnen Vertretern in den Schulen. Eine engere Zusammenarbeit und Reflexion mit Politik, den Schulen und Lehrern bei der Umsetzung der Inklusionskonzepte wäre meines Erachtens wünschenswert.“

„Dann bedanke ich mich recht herzlich bei Ihnen Frau Blumberg für dieses interessante Interview und wünschen Ihnen für Ihre Zukunft alles Gute.“

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